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Die Causa Chris Fleming und ihre Folgen

7. Juli 2015
Geht Bundestrainer Chris Fleming nach der Eurobasket 2015 als Co-Trainer zu den Denver Nuggets? Darf er das überhaupt? Was bedeutet das für den DBB und die A-Nationalmannschaft? Ein Erklärungsversuch.

Text: André Voigt

6. Juli 2015

– Die Denver Post veröffentlicht einen Artikel, der die Assistenten des neuen Head Coaches Mike Malone nennt. Unter ihnen: Bundestrainer Chris Fleming.

– Die dpa erreicht DBB-Präsident Ingo Weiss und fragt ihn nach dem neuen Engagement Flemings. Weiss antwortet: „Ich habe gerade mit Chris telefoniert. Da ist nichts dran. Wenn da etwas dran wäre, würde er zuerst mit uns diskutieren.“

– Chris Dempsey, Beat Writer der Denver Post und in dieser Kapazität für die Nuggets zuständig setzt zwei Tweets zum Thema ab: „#Nuggets coach Michael Malone said New asst. Chris Fleming will not join the team until Sept. after his obligations w/the German team end.“ und „Malone said he did not expect Fleming’s commitment to the German National Team to be a problem at all in the future. #Nuggets“

– In einem Bericht der Associated Press auf NBA.com wird am Ende folgendes erwähnt: „Malone said assistant coach Micah Nori will coach the summer league team. … In addition to Nori, Malone’s coaching staff next season includes Ed Pinckney, Wes Unseld Jr., Dee Brown, Ryan Bowen and Chris Fleming, the coach of the German national team. Malone said Fleming will not be with the team this summer because of his commitments to Germany for the 2015 EuroBasket tournament.“

7. Juli 2015

– Der DBB reagiert erstmals auf die Meldung aus Denver – mit zwei Tweets: „Info zu Chris Fleming: Angebote aus NBA/europ. Ausland sind derzeit kein Thema für #DBB. Fleming hat gültigen Vertrag mit DBB“ und „Er konzentriert sich jetzt zu 100 Prozent auf die #EuroBasket2015 (2/2) #Fleming #Bundestrainer #DBB“

– Gegenüber Sport1 erklärt Ingo Weiss: „De facto gibt es noch keinen Vertrag. Schließlich müsste sich der Verein erst einmal bei uns melden und wir ihn freigeben.“ Außerdem fügt der Präsident an: „Fleming hat mit vielen NBA-Klubs und auch mit Spitzenteams aus Europa geredet, warum sollten wir nicht zulassen, dass er dort arbeitet. Wenn er ab Oktober zu den Nuggets geht, dann finde ich das gut.“

Die Ereignisse der letzten 36 Stunden sind erstaunlich. Kommen sie doch a) zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt (drei Wochen vor Beginn der EM-Vorbereitung) und b) laufen sie konträr zu dem, was der DBB eigentlich auf der Position des A-Bundestrainers erreichen wollte: Kontinuität.

Klares Profil

Der Verband hatte auf der Suche nach dem neuen Chefcoach ein klares Profil umrissen. Der Neue sollte das Amt hauptamtlich bekleiden, sich das gesamte Jahr über um die Mannschaft kümmern, internationales Topformat besitzen. Als Trainer sollte er helfen, einen Teamgeist zu entwickeln – was gerade angesichts der schwierigen EM-Qualifikation im Sommer 2014 unter Flemings Vorgänger Emir Mutapcic dem DBB als sehr wichtig erschien. Denn vor einem Jahr hatten einige A-Nationalspieler in der NBA Summer League vorgespielt und so die Vorbereitung auf die Partien gegen Österreich, Polen und Luxemburg erschwert. Eine Tatsache, die die Verantwortlichen in Hagen nur zähneknirschend hinnahmen.

Mit Chris Fleming unterschrieb 2014 ein absoluter Fachmann und BBL-Kenner einen Zweijahresvertrag beim DBB, der die Olympischen Spiele in Rio 2016 (bei erfolgreicher Qualifikation) einschließt. Danach hätte sich der 45-Jährige entscheiden müssen, ob er zurück in den Vereinsbasketball will oder beim DBB bleiben.

Denn dann muss der DBB einen hauptamtlichen Bundestrainer verpflichten. Ab dem November 2017 werden die Länderspiele nicht mehr nur ausschließlich von Juli bis September ausgetragen. Dann beginnt die Qualifikation zum FIBA World Cup, die in den Monaten November, Februar, Juni und September gespielt wird. Auch die Qualifikation zur Eurobasket fällt in die reguläre Saison.

Wie zum Beispiel beim Fußball wird es also ab November 2017 Lehrgänge während der laufenden Saison geben. Ein Teilzeit-Bundestrainer wie es Mutapcic gewesen war, kommt dann nicht mehr in Frage.

Schwierige Suche

Diese Neuordnung des FIBA-Spielplans erschwert künftig das Finden eines geeigneten Kandidaten. Kein angestellter Coach kann unter normalen Umständen eine Nationalmannschaft betreuen. Das schränkt den Kandidatenkreis enorm ein. In der Vergangenheit hatte der DBB sogar in der NBA bei einigen Headcoaches vorgefühlt und auch Interesse geweckt. Die Verpflichtungen scheiterten jedoch an verschiedenen Umständen, die nicht in der Macht des Verbandes lagen. Dies ist jetzt nicht mehr möglich.

Nimmt Chris Fleming also das Angebot der Denver Nuggets nach der Euro an, ist er spätestens 2016 nach Ablauf seines Vertrages kein Bundestrainer mehr. Qualifiziert sich Deutschland nicht für Olympia oder das Qualifikationsturnier für Rio, dürfte er wohl schon früher das Amt aufgeben.

Dass Fleming die Chance nutzt, in der besten Basketballliga der Welt zu arbeiten, dürfte sicher sein. Solche Gelegenheiten gibt es im Laufe einer Karriere nur selten. Dass eine renommierte Zeitung wie die Denver Post, die Associated Press und auch Nuggets-Coach Mike Malone melden, dass Fleming 2015/16 auf der Bank in Denver sitzt, bedeutet zudem, dass wohl schon zumindest eine mündliche Zusage Flemings vorliegt.

Würde der DBB Fleming in einem solchen Fall Steine in den Weg legen und auf die Erfüllung des geschlossenen Vertrages als „hauptamtlicher Bundestrainer“ pochen? Nein. Der Verband würde nichts gewinnen. Die Auswirkungen auf die Euro wären fatal, von der Außendarstellung ganz zu schweigen. Potenzielle Kandidaten für die Nachfolge Flemings würden nachhaltig abgeschreckt.

Kommunikationsproblem

Sollte Fleming also nach der Euro oder 2016 nicht mehr Bundestrainer sein, wäre das ein vollkommen verständlicher Vorgang. Hingegen: Die Art und Weise, wie der Deutsche Basketball Bund in Person von Präsident Ingo Weiss mit der Meldung aus den USA umging, ist vollkommen absurd.

Weiss’ Rolle rückwärts in seinen Aussagen rückt den DBB wenige Wochen vor Beginn der Vorbereitung in ein denkbar schlechtes Licht. Auch Fleming wird sich vielerorts den Medien erklären müssen.

Der Verband mag von der Meldung aus Denver überrascht worden sein. Doch wer mag das glauben, wenn Weiss selbst erklärt, dass Fleming „mit vielen NBA-Klubs und auch mit Spitzenteams aus Europa geredet“ hat?

Hat also Chris Fleming zumindest mündlich in Denver zugesagt? Hat er den DBB angelogen? Hat Ingo Weiss – um Schadensbegrenzung bemüht – unbedacht ein Statement abgegeben?

Fest steht: Trainer und Verband haben ein Kommunikationsproblem. Es bleibt ein beschädigter DBB zurück, der die eigene Vorbereitung ein Stück weit torpediert. Schade, angesichts des Hypes, der um diese Euro-Vorrunde in Deutschland entstehen kann.

Es bleibt zu hoffen, dass Fleming-Gate sich schnell klärt, damit die Nationalmannschaft zum Beginn ihres Lehrgangs in Bonn am 20. Juli ganz auf das konzentrieren kann, was wichtig ist … auf dem Platz.

by Dré