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Euro-Interview #3: Chris Fleming

4. August 2015

Bundestrainer Chris Fleming und die deutsche Basketballnationalmannschaft sind zurück vom Vorbereitungsturnier im italienischen Trento. Dort gewann das DBB-Team gegen Italien, die Niederlande und Österreich. Welche Erkenntnisse zog der Coach aus der bisherigen Vorbereitung? Welche Rolle sieht er für seine NBA-Stars vor? Und: Wo kam der Mann eigentlich mal her? Diese und viele weitere Fragen klärt das dritte Euro-Interview.

Interview: André Voigt

3meter5: Coach Fleming, die Fans in Deutschland kennen sie vor allem als Ex-Trainer der Brose Baskets Bamberg und davor der Artland Dragons. Es war jedoch der Spieler Chris Fleming, der einst nach Deutschland kam …
Chris Fleming: Ja, ich habe damals die Möglichkeit bekommen, in Europa Basketball zu spielen. Das war ein ziemlicher Zufall … Ich dachte damals, dass ich diese Chance nicht wieder bekommen würde und griff zu. Das war eigentlich als kurzes Abenteuer in Deutschland geplant.

Viele US-Amerikaner, die in Europa nach ihrer College-Zeit Basketball spielen – vor allem so wie sie damals in der Regionalliga in Quakenbrück – sehen den Schritt ja wirklich als ein kurzes Gastspiel – eine Horizonterweiterung und die Chance, nach der Uni noch ein wenig auf hohem Niveau zu spielen. Warum sind sie am Ende hier geblieben? Gab es das Fernziel, Trainer zu werden?
Nein, den Job als Coach hatte ich damals, als ich nach Deutschland kam, nicht im Hinterkopf. Die Idee formte sich eigentlich erst mit den Jahren. Umso länger ich spielte, desto mehr dachte ich darüber nach. Aber selbst mein Schritt an die Seitenlinie kam dann in Quakenbrück ja ein Stück weit zufällig. Ich dachte zu der Zeit, dass ich weiter spielen würde, aber eigentlich wussten alle, dass es wohl nicht das Beste für meine Karriere sein würde. (lacht) So wurde mir zwar damals als Spieler gekündigt, aber die Möglichkeit gegeben, als Trainer zu arbeiten. Dafür war ich ganz dankbar.

Was war denn der eigentliche Plan für die berufliche Laufbahn nach dem Basketball?
Ich dachte, ich würde in die Forschung gehen und Professor an einer Uni werden. Mein Fach wären die Sportwissenschaften gewesen.

Als Spieler waren Sie für die Richmond University aktiv, aber auch – was die wenigsten wissen – als Freshman für die University of Connecticut … Waren sie als Highschooler begehrt?
Ich würde sagen, dass es relativ viel Interesse von verschiedenen Universitäten an mir gab. Wahrscheinlich war ich aber nicht reif genug, zu erkennen, dass ich ein Jahr als Redshirt* gebraucht hätte. Denn die Umstellung vom Basketball an der High School zum Spiel in der NCAA war schon eine große für mich. Ich bin dann nach meinem Freshman-Jahr nach Richmond transferiert, um dort mehr Einsatzzeiten zu bekommen.

Ich erinnere mich noch an unsere Begegnungen auf dem Feld in Ihrem ersten Jahr in Quakenbrück. Damals fand ich es unglaublich schwer, eine ihrer Bewegungen zu verteidigen. Sie täuschten den Dreier auf dem Flügel an, dribbelten dann hart in Richtung des Highposts, stoppten aus vollem Lauf ab, nur um kerzengerade nach oben zu gehen und abzudrücken. War das Ihr Go-to-Move?
Ja, in Europa habe ich mir das wohl angeeignet und diesen Move entwickelt. An der Uni in den USA war ich ein reiner Schütze. Aber wenn du nach Deutschland kommst – und damals war ich ja der einzige Ausländer im Team – dann erwarten die Leute, dass du noch mehr Verantwortung trägst.

Kommen wir zur Nationalmannschaft und die Eurobasket. Im Gegensatz zu einer Vorbereitung auf eine Club-Saison bleiben Ihnen hier nur wenige Wochen. Wie ändert sich dort die Herangehensweise im Vergleich mit der Arbeit im Verein?
Du musst die Dinge auf jeden Fall – vor allem im Angriff – einfacher, simpler halten. Natürlich können die Profis, die in die Nationalmannschaft berufen werden sehr gut spielen. Das sind alle sehr gute Basketballer. Aber für uns als Trainerstab ist es vor allem wichtig, dass wir eine Teamchemie erarbeiten, dass die Rollen verteilt werden und alle verstehen, was wir wollen. Von daher ist es schon anders als im Verein. Da kannst du in den ersten Wochen mit bestimmten Defiziten leben, weil du in einer langen Saison nach hinten heraus einiges wett machen kannst. Da hast du die Zeit, dich über Monate einzuspielen. Bei der Eurobasket hingegen haben wir unsere Partien in der Gruppe in einem Zeitraum, in dem ich als Vereinscoach gerade mal eines meiner ersten Saisonspiele absolviere.

Gregg Popovich erklärte auf seiner Coaching Clinic vergangenes Jahr in Berlin, dass er jedes Jahr mit seinem Kader ganz von vorne anfängt. Egal welche Spieler er schon im Vorjahr oder über viele Saisons schon im Kader hat, seine Spurs beginnen mit den Grundlagen, den Fundamentals. Ist das bei einer Nationalmannschaft auch möglich?
Ich glaube, dass wir während der Vorbereitung sehr oft im fundamentalen Bereich arbeiten. Als Basketballtrainer – egal auf welchem Level, egal ob NBA, Euroleague oder in der Jugend – trainierst du die gleichen Sachen und das sind halt in der Regel die Fundamentals. Da musst du die meiste Zeit investieren und das haben wir auch bei der Vorbereitung auf die EM.

Für Sie selbst begann die Vorbereitung auf die Eurobasket 2015 wahrscheinlich schon lange, bevor Sie erstmals mit der Mannschaft in der Halle standen. Wann haben Sie begonnen, das taktische Konzept für die Nationalmannschaft zu entwickeln?
Ich glaube, das ist ein Prozess. Du fängst an, daran zu arbeiten, wenn du deine Spieler alle gesehen hast. Dann entwickelt sich ein Bild in deinem Kopf von der Art und Weise, wie du spielen willst. Allerdings wartest du natürlich, du legst dich nicht zu früh auf jedes Detail fest, weil du die Spieler natürlich noch nicht im Training hattest. Deswegen haben wir zum Beispiel kleine Sachen im Trainingslager umgestellt. Das endgültige Konzept hatten wir auch relativ spät fest gemacht.

Sie haben angesprochen, wie wichtig es ist, dass die Spieler ihre Rollen kennen und akzeptieren. Sie hatten mit den Profis schon während der Saison Kontakt. Ist es leicht, dann schon Rollen klar zu skizzieren, wenn das taktische Korsett noch nicht komplett steht?
Grundsätzlich kennst du ja die Stärken und Schwächen der Spieler – die kannst du ihnen natürlich auch schon vorher sagen. Ich habe mit ihnen geredet und erklärt, was ich von ihnen erwarte. Diese Rollen zu erkennen, war für mich im Vorfeld nicht sehr schwer. Diese Gespräche sind denen, die ein Vereinstrainer mit potenziellen Neuzugängen führt, sehr ähnlich.

Kann sich denn während einer Clubsaison unter den Nationalspielern so etwas wie Teamgeist entwickeln? Immerhin gibt es ja keine Lehrgänge während einer Spielzeit …
Ja, definitiv. In unseren ersten Trainingstagen musste ich sehr wenig Intensität coachen. Die Motivation war voll da. Die Spieler haben sehr gut mitgezogen. Da war ein Teamgeist zu spüren. Das haben wir auch während des ersten Vorbereitungsturniers in Trento gesehen. Da haben wir gegen Italien gewonnen, obwohl wir mehrere Male mit sieben Punkten zurücklagen. Die Jungs haben sich immer wieder in die Partie gekämpft – und zu diesem Zeitpunkt fehlten noch Dennis Schröder, Anton Gavel, Dirk Nowitzki und Tibor Pleiß. Wir haben früh eine sehr gute Chemie entwickelt.

Gab es sonst Erkenntnisse aus Trento, die sie mitnehmen, wo Sie gegen Italien, Österreich und die Niederlande gewannen?
Ich glaube, man muss das als laufenden Prozess betrachten. Bei uns fehlten drei bis vier dicke Fische im Kader, die unter Umständen noch zum Team kommen. Womöglich sogar vier Starter. Also ändert sich potenziell noch eine Menge. Wir haben unseren Lehrplan, was wir dem Team vermitteln wollen, können aber immer reagieren, um Dinge zu justieren.

Wenn so wichtige Spieler wie Dirk Nowitzki oder Dennis Schröder erst später zum Team stoßen, muss der Trainerstab dann besondere Maßnahmen treffen, damit diese Akteure es leichter haben, sich in dieser Mannschaft, die ja schon einige Einheiten miteinander absolviert hat, und in der Spielphilosophie zurecht zu finden?
Du bist gut beraten als Trainer, sicherzustellen, dass entscheidende Spieler sich gut zurechtfinden. Man sollte nicht erwarten, dass sie auf eigene Faust herausfinden, was sie tun müssen. Es ist unsere Aufgabe als Coaches, ihnen schnell eine Komfortzone und auch Routine zu schaffen, mit der sie an die Sache rangehen. Wir machen das so, dass die Spieler ja im Vorhinein ungefähr wissen, wie ihre Rolle aussehen wird. Als Dennis Schröder dann zum Beispiel heute zur Mannschaft stieß, hat sich der Trainerstab mit ihm hingesetzt und wir sind alle Plays mit ihm durchgegangen.

Sie sprechen ihre Assistenten an: Henrik Rödl, Alex Jensen, Martin Schiller. Haben sie jeder für sich spezielle Aufgaben?
Sie haben in den Einheiten bestimmte Aufgaben – aber das ändert sich von Übung zu Übung. In dieser Hinsicht sind wir nicht sehr starr. Ich habe drei sehr gute, unterschiedliche Typen im Team. Henrik kennt die Spieler extrem genau und hat einige ja selbst ausgebildet. Dazu bringt er als Aktiver eine große Turniererfahrung mit. Er hat auf verschiedenen Leveln viel gewonnen. Eben weil er schon so viel bei den großen Turnieren erlebt hat, wird Henrik nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für mich, sehr wichtig sein. Mit Alex Jensen wollten wir einen NBA-Assistenztrainer verpflichten, der seinen Schwerpunkt im „Player Development“ hat – also im Individualtraining. Deshalb waren wir sehr froh, dass er die Bereitschaft hatte, diesen Job zu übernehmen. Martin Schiller habe ich in den vergangenen Jahren als Assistent von mir in Quakenbrück sehr gut kennengelernt. Er ist ein extrem positiver und zuverlässiger Typ, der mit den Spielern sehr gut klar kommt.

Die Trainingseinheiten sind natürlich der wichtigste Teil der Arbeit des Trainerstabs. Aber natürlich steckt da noch eine ganze Menge mehr dahinter. Wie sieht denn ein typischer Tag momentan für Sie als Coaches aus?
Vor dem Training besprechen wir vor allem, was wir an diesem Tag in „Gehgeschwindigkeit“ machen wollen – was wir also taktisch als Schwerpunkt setzen und langsam durchlaufen wollen. Außerdem holen wir ein paar Helfer dazu, die uns bei den Drills und dem Ablauf des Trainings helfen. Unter uns werden dann die jeweiligen Aufgaben während der verschiedenen Drills in der kommenden Einheit verteilt. Nach der jeweiligen Einheit gibt es dann eine Nachbesprechung.

Inwiefern ist möglich die einzelnen Spieler während diesen wenigen Wochen der Vorbereitung individuell besser zu machen? Geht das überhaupt? Sie haben zum Beispiel mit Paul Zipser beim öffentlichen Training in der ersten Vorbereitungswoche länger individuell gearbeitet …
Es gibt da sicherlich ein funktionelles Element – die Spieler sollen in dem jeweiligen System funktionieren. Deshalb werden die Jungs auch oft in Gruppen aufgeteilt, damit sie an ihren Fertigkeiten arbeiten – ich nenne das „Skill Work“. Die Fertigkeiten, die wir brauchen, sollen sich festigen. Das können die unterschiedlichsten Sachen sein. Der Eine arbeitet an seinen Pässen mit der linken Hand, der andere an seinem Hakenwurf und wieder ein anderer an seiner Balance beim Wurf aus dem Dribbling.

Skizzieren Sie bitte, wie Deutschland im Angriff bei der Eurobasket 2015 spielen soll …
Ich hoffe, dass wir schnell spielen. Wir haben die Guards für diese Art Basketball. Außerdem erwarte ich, dass wir als Mannschaft den Ball teilen – also die freien Leute finden. Der Ball muss gut bewegt werden, damit wir so gut wie möglich unsere Werfer einsetzen können.

„Schnell“ bedeutet natürlich Fastbreak, aber auch im Halbfeld kann schnell abgeschlossen werden … Es finden sich viele Distanzschützen im Kader – auch auf den großen Positionen. Ist davon auszugehen, dass Deutschland viel das Pick-and-Roll sucht, um damit die Schützen freizuspielen?
Am Pick-and-Roll kommt im modernen Basketball ja niemand vorbei, von daher wird es auf jeden Fall Teil unserer Spielweise sein. Ich sage es noch mal: Ich hoffe, dass wir den Ball einfach teilen. Natürlich wollen wir die Stärken von Dennis optimal einsetzen, wollen ihm den Platz schaffen, damit er penetrieren kann. Dafür ist zweifelsohne unsere Raumaufteilung, unser Spacing sehr, sehr wichtig.

Wie groß wird die offensive Rolle von Dirk Nowitzki in diesem Team sein? Immerhin ist er schon 37 Jahre alt …
Natürlich können wir über Dirks Alter sprechen, aber er war immer noch ein sehr effizienter Spieler in der NBA in der abgelaufenen Saison. Bis die Dallas Mavericks Rajon Rondo geholt haben, brachte Dirk erstklassige Leistungen. Von daher sind die Erwartungen hoch. Natürlich wird und soll er diese Nationalmannschaft nicht so tragen, wie in der Vergangenheit, aber er wird eine große Rolle für uns spielen.

Und defensiv? Ist Nowitzki in der Lage mobilere Power Forwards im eigenen Halbfeld zu stellen oder werden Sie ihn dort entlasten müssen, indem er etwa den gegnerischen Center verteidigt oder Sie eine Raumverteidigung spielen lassen?
Dirk ist clever. Er kann seine Länge nutzen, um seinen Mann vor sich zu halten. Aber klar: Es gibt einige Matchups, die nicht so leicht für ihn sind … Nur: Umgekehrt müssen die anderen ihn ja auch erst mal verteidigt bekommen. Darüber müssen sich die anderen Coaches auf jeden Fall Gedanken machen. Deshalb sehe ich seine Präsenz immer als ganz großen Vorteil.

Lassen Sie uns auch noch über die Defense sprechen. Welche Identität wird die Nationalmannschaft am eigenen Korb zeigen?
Wir haben einige Jungs in unseren Reihen, die bei Alba Berlin und dem FC Bayern München gespielt haben. Die wissen, wie man im Rückfeld Druck auf den Ball macht. Gleichzeitig verfügen wir über einiges an Länge, deshalb macht es Sinn, im Halbfeld die Räume um die Zone sehr eng zu machen. Wir werden sicherlich auch wechselnde Verteidigungen zeigen.

Kommen wir abschließend noch zu Dennis Schröder. Sie haben seine Penetration als Stärke angesprochen. Ist er in dieser Hinsicht nicht der Schlüsselspieler, weil es sonst kaum jemanden gibt, der diese Stärke im Kader besitzt?
Das sehe ich nicht so! Maodo Lo hat in Trento gezeigt, dass er in die Zone kommen kann. Auch Paul Zipser hat das Zeug dazu. Aber natürlich ist Dennis derjenige, der unser Tempo machen und es auch hochhalten muss. Er kann mit einem Gang spielen, eine Geschwindigkeit erreichen, die kaum ein anderer hat.

Machen Sie sich Sorgen darüber, ob Schröder die Umstellung vom NBA- auf den FIBA-Basketball reibungslos hinbekommt? Immerhin gibt es gerade in der Defensive eine Menge Grauzonen im internationalen Basketball, die Penetration ist zum Teil viel schwerer auszuspielen …
Natürlich braucht es eine Phase der Eingewöhnung. Aber Dennis hat nicht sein ganzes Leben lang in der NBA gespielt, er kennt den Basketball in Europa. Dennis ist ein cleverer Typ, der wird sich da schnell reinfinden und verstehen, was wir von ihm brauchen.

ZUR INFO: Dieses Euro-Interview gibt es in geschriebener Form, weil auf der Terrasse, wo das Gespräch geführt wurde, irgendwann doch arg der Wind pfiff. Außerdem ist dieses Euro-Interview als Teaser für die Fans gedacht, die noch nicht als Supporter dabei sind.

Checkt auch die Gespräche mit Heiko Schaffartzik und Niels Giffey.

by Dré