Euro-Interview: Danilo Gallinari

Viele hatten sicherlich schon vergessen, wie talentiert, vielseitig und effektiv Danilo Gallinari auf dem Parkett sein kann. Kein Wunder, saß er doch in den letzten Jahren fast genauso häufig verletzt auf der Bank wie er Sprungwürfe abfeuerte. Jetzt endlich wieder fit und gesund, führt der 27-Jährige die italienische Nationalmannschaft in Richtung EM-Endrunde und glänzt dabei als einer der besten Spieler des Turniers. Wir haben uns (erneut) mit einem unserer besten Freunde hier in Berlin unterhalten.

Interview: Seb Dumitru

3meter5: Dein General Manager in Denver M Tim Connelly sagte vor wenigen Tagen, du seist in der besten Verfassung deiner Karriere. Übertreibt er?
Danilo Gallinari: Ich denke nicht. Ich fühle mich in der Tat topfit und freue mich auf das Spiel gegen Deutschland sowie natürlich das restliche Turnier.

Ihr habt gestern die Spanier geschlagen und dabei mehr als 100 Punkte erzielt.
Spanien ist ein absolutes Top-Team, vielleicht immer noch das beste in Europa. Das war ein sehr guter Sieg für uns.

Du und Marco Belinelli habt dominiert. Was habt ihr mit Marco in der Halbzeitpause gemacht?
Das war ja nicht das erste Mal dass Marco so heiß läuft. Es gab tatsächlich schon viele Partien, in denen das passiert ist. Ich erinnere mich, dass er einmal 36 gegen uns gescort hat in Denver – und ich war derjenige, der ihn damals verteidigt hat.

Bist du zufrieden mit eurem bisherigen Turnierverlauf?
Ja, durchaus. Ich sehe viele positive Entwicklungen. Schon vor dem Spiel gegen Spanien hatten wir zwei recht gute Partien gemacht. Das sah vielleicht auf dem Ergebnisbogen anders aus, aber wir hatten sieben von acht Vierteln für uns entschieden. Das einzige schlechte hat uns das Spiel gegen die Türkei gekostet. Alles in allem denke ich aber dass wir auf einem sehr guten Weg sind. Hoffentlich geht das so weiter.

Euer Flügelspieler Luigi Datome fällt für den Rest des Turniers aus. Wie verändert seine Verletzung die Dynamik eures Teams?
Es wird nicht einfach, Gigi zu ersetzen. Er brachte uns Abgeklärtheit und eine weitere Scoringoption. Durch seinen Ausfall sind wir alle im Team nun noch stärker in der Pflicht. Ich denke das ist gut. Einerseits weil von jedem noch ein bisschen mehr verlangt wird; andererseits weil wir auch für Gigi spielen.

Was ist die Identität der italienischen Nationalmannschaft?
Die Offensive. Wir sind schwer zu stoppen wenn alles zusammen läuft – das hat man gestern gegen Spanien gut gesehen. Das klappt natürlich nicht immer, wir haben Höhen und Tiefen. Wir können das Niveau nicht immer halten. Wenn wir aber ein Hoch haben, passieren sehr viele gute Sachen.

Ist das hier das beste italienische Nationalteam, das ihr jemals hattet? Zum ersten Mal sind alle Top-Spieler mit an Bord… Habt ihr mehr Talent als je zuvor? 
Mag sein, aber was ist das wert? Wir haben nichts gewonnen, haben niemandem etwas bewiesen – auch uns nicht. Wir mögen zwar Talent haben, aber keine Erfolge. Wir brauchen Erfolge, um der Welt zu beweisen, dass wir wirklich Talent haben.

Wie groß ist der Druck in Italien?
Ziemlich groß. Das ganze Land erwartet eine Medaille, weil alle denken, das hier sei das beste italienische Team aller Zeiten. Ich seh’s anders; für mich sind wir weit davon entfernt, das beste italienische Nationalteam aller Zeiten zu sein… weil wir eben noch gar nichts vorweisen können.

Ihr seid ziemlich lang auf allen Positionen, habt eine beeindruckende Vielseitigkeit in eurer Aufstellung …
Die Tatsache dass wir so vielseitig sind und nahtlos die Positionen tauschen können, macht uns sehr schwer auszurechnen. Das müssen wir noch mehr perfektionieren und zu unserer größten Stärke machen.

Es scheint, als hätte dieses Team deine Identität als Spieler angenommen. Wie unterscheidet sich deine Rolle hier bei der Nationalmannschaft von der bei den Denver Nuggets?
Es ist eine ganz andere Rolle hier, ganz anders als ich das in Übersee gewohnt bin.

Weniger Playmaking und Flügelaufgaben?
Genau. Hier laufe ich viel mehr auf der Vier auf, rolle beim Pick & Roll viel häufiger direkt zum Korb, übernehme mehr Big Man Aufgaben. Meine Position hier ist mehr eine Vier, die sich in Richtung Fünf orientiert. In Denver habe ich mehr Playmaker-Situationen auf der Drei, in denen ich für die anderen als Ballhandler vorbereiten oder für mich selbst kreieren muss.

Ihr habt in Denver in diesem Sommer einige Veränderungen durchgemacht: Mike Malone ist der neue Head Coach, Emmanuel Mudiay euer neuer Starting Point Guard … Seid ihr ein völlig anderes Team?
Nein, das würde ich nicht sagen. Wenn du dir mal unseren Kader anschaust, dann hat sich da so gut wie gar nichts getan. Fast alle Spieler sind die selben, sowohl in der Starting Five als auch von der Bank. Wir sind sogar fast genau das selbe Team. Ausser Mudiay eben..

Heißt das mal wieder keine Playoffs in Denver in der kommenden Saison?
Wenn wir gesund und von Verletzungen weitgehend verschont bleiben, wenn wir alle regelmäßig spielen können, dann halte ich es schon für möglich, die Playoffs zu packen. Ich weiss dass uns das in so einer Western Conference niemand zutraut, aber ich glaube daran.

Ich weiss dass besonders du so richtig drauf stehst, also: Wie sehr werdet ihr das Tempo wieder anziehen müssen, um euer Ziel zu erreichen?
Oh ja. Wir müssen schnell spielen. Wir werden zum Glück wieder schnell spielen. Das muss einfach unsere Identität sein in der Mile High City mit dem Höhenvorteil den wir dort haben. Coach Malone hat schon grünes Licht gegeben – darauf freue ich mich ganz besonders.

Du darfst nicht viel sagen, aber noch ganz kurz: Habt ihr die deutsche Mannschaft ausgiebig gescoutet?
Ja, das haben wir. Ich denke wir wissen jetzt ziemlich gut, was sie können – und was nicht.

Kannst du uns verraten was?
Nein.

Was denkst über Dirk Nowitzki, der mit 37 Jahren immer noch für die Nationalmannschaft aufläuft und versucht, sich für Olympia 2016 in Rio zu qualifizieren?
Ich hoffe, dass ich in seinem Alter immer noch ein paar der Dinge machen kann, die er macht. Ich glaube zwar nicht dran, aber es wäre fantastisch, wenn ich mit 37 immer noch mein Land auf dem Parkett repräsentieren könnte. Dirk ist super, und es ist beeindruckend, wie gut er in seinem Alter immer noch sein kann. Ich freue mich sehr, heute gegen ihn anzutreten.


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